Die Last und Scham von Kindern suchtkranker Eltern

Berlin – Die zentrale Erfahrung von Kinder suchtkranker Eltern ist Unsicherheit und Scham. Wie ist die Mutter drauf, wenn ich nachmittags aus der Schule komme? Kann ich meine Freundin mitbringen? Kommt der Vater wieder angetrunken aus der Kneipe? Gibt es eine peinliche Szene? Die Sucht der Eltern stigmatisiert.

Oft geben sich die Kinder selbst die Schuld am Zustand ihrer Eltern. Mit der Zeit entwickeln Jungen und Mädchen geradezu eine Meisterschaft darin, die Sucht der Eltern zu überspielen, zu vertuschen, sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU).

Wie viele Kinder sind betroffen?

Die Zahl der erkannten und behandelten Fälle psychischer Erkrankungen, und dazu zählen Suchterkrankungen, sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Die Last der Angehörigen, insbesondere der Kinder, werden immer noch zu wenig beachtet. Experten gehen heute davon aus, dass jedes vierte Kind, also schätzungsweise drei bis vier Millionen Kinder, einen vorübergehend oder dauerhaft psychisch erkrankten Elternteil hat. Rund 2,65 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren machen im Laufe ihres Lebens Erfahrungen mit Vater oder Mutter, die massive Alkoholprobleme haben. Und europäischen Schätzungen zufolge sind in Deutschland sogar etwa fünf bis sechs Millionen Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren (15,4 Prozent) von einer elterlichen Alkoholabhängigkeit betroffen. 

Wie wirkt sich die Suchterkrankung von Eltern auf die Kinder aus?

Jede Sucht ist anders und jedes Kind reagiert natürlich anders. Aber Kinder mit einem Suchthintergrund werden drei- bis viermal so häufig selbst abhängig wie andere. Sie beginnen früher Alkohol zu trinken, ihr Alkoholkonsum nimmt auch schneller problematische Züge an – bis hin zum Komasaufen. Grundsätzlich gilt: Die Gefahr, irgendwann an Depressionen oder Angststörungen zu leiden, ist bei Kindern mit suchtkranken Eltern viel höher als bei anderen. Und bei sogenannten suchtbelasteten Kindern gibt es auch häufiger psychische Auffälligkeiten etwa im Sozialverhalten oder bei der Konzentrationsfähigkeit (ADHS), sagt Mortler.

Was macht die besondere Situation dieser Kinder aus?

Bei dem Versuch, die Sucht der Eltern zu vertuschen, übernehmen sie oft dort früh Verantwortung, wo die Eltern nicht mehr in der Lage sind, den Tagesablauf zu regeln. So nehmen nach Darstellung von Experten Kinder suchtkranker Eltern viel zu früh Verantwortung für die kleinen Geschwister, für sich selbst und häufig auch für die Eltern. «Das kann so aussehen, dass ein siebenjähriges Kind alleine aufstehen, das Pausenbrot selbst schmieren und sich auch noch um das Baby der Familie kümmern muss. Das tut nicht gut», warnt die Drogenbeauftragte.

Was muss passieren?

Es ist sehr schwer, Kinder zu erkennen, die wegen der Sucht eines ihrer Elternteile Hilfe brauchen. In der Gesellschaft fehlt auch noch ein Problembewusstsein. Hier sind zunächst Kitas, Schulen, auch Nachbarschaft gefragt. Doch die brauchen auch Ansprechpartner. «Entscheidend ist erst einmal, dass die Kommunen das Thema erkennen. Die Jugendämter sind der Dreh- und Angelpunkt des Ganzen», sagte Mortler. «Sie müssen Informationen und Hilfe koordinieren» – und Ansprechpartner etwa für Erzieherinnen und Lehrer sein, die Hilfe vermitteln wollen. In einigen Gemeinden klappe es schon ganz gut, in anderen bleibe der Lehrer schon in der Telefonzentrale hängen.

Was macht der Staat?

Mit dem neuen Präventionsgesetz ist es möglich, auch Programme für betroffene Kinder zu finanzieren. Allerdings arbeiten die zuständigen Stellen noch viel zu wenig zusammen. Im Mai soll im Bundestag ein Antrag von Union, SPD und Grünen zur Situation von Kindern psychisch kranker Eltern eingebracht werden. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, noch einmal genau prüfen, wie die Hilfssysteme miteinander arbeiten. Eine Arbeitsgruppe unter Beteiligung der zuständigen Ministerien (Familie, Soziales, Gesundheit) soll Vorschläge erarbeiten, wie betroffenen Kindern besser geholfen werden kann. Zudem soll das Präventionsgesetz auf seine Effizienz geprüft werden. Für Jugendliche soll ein Online-Angebot eingerichtet werden, um den ersten Schritt in die Beratung zu erleichtern.

Fotocredits: Jens Kalaene
(dpa)

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Mediziner