Gehört die Pest der Vergangenheit an?

Die Meldung verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Anfang 2008 forderte ein erneuter Ausbruch der Pest auf Madagaskar 18 Menschenleben.

Der Vorfall beweist: Die Pest, von vielen als mythisch überhöhte Geißel des Mittelalters betrachtet, ist kein Phänomen der Vergangenheit. Tatsächlich trat die Pest auch im 20. Jahrhundert gelegentlich auf; meist in Ländern, deren hygienische und medizinische Versorgung mangelhaft war, bisweilen aber auch in vermeintlich gut versorgten Industrienationen; 1992 etwa forderte ein Pestausbruch in den Vereinigten Staaten zwei Tote. Allerdings kann sie heute mithilfe von Antibiotika relativ einfach und zuverlässig bekämpft werden.

In den Jahren 1347-49 suchte die verheerendste Katastrophe des gesamten Mittelalters das Abendland heim: Vom Mittelmeerhafen Kaffa ausgehend, verbreitete die Pest sich innerhalb weniger Monate über ganz Europa; erreichte 1349 schließlich auch Deutschland, England und Schweden. Man geht inzwischen davon aus, dass ein Handelsschiff Ratten eingeführt hat, die infizierte Rattenläuse mitbrachten. Vom Biss dieser Tiere infiziert, dauert die Inkubationszeit beim Menschen zwischen einigen Stunden und sieben Tagen. Im 14. Jahrhundert waren die Chancen auf Heilung aussichtslos; ein Infizierter galt quasi als tot und wurde selbst von seinen Nächsten gemieden. Es ist überliefert, dass Ärzte und Priester sich weigerten, die Kranken zu besuchen. Im Osten Europas scheint man bisweilen gar Infizierte, die noch nicht gestorben waren, beerdigt zu haben – manche von ihnen befreiten sich aus ihren Gräbern; man vermutet, dass der Vampirmythos unter diesem Umständen geboren wurde. Die Zahl der Todesopfer der als „Schwarzer Tod“ in die Geschichtsbücher eingegangenen Pandemie wird inzwischen auf zwischen 20 und 25 Millionen geschätzt. Man muss davon ausgehen, dass rund ein Drittel der Bevölkerung ihr zum Opfer fiel. Die Krankheit fegte in mehreren Wellen in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts über den Kontinent und prägte wie keine andere Katastrophe – seien es Kriege, Hungersnöte, Vertreibungen oder andere Krankheiten – die Weltsicht des späten Mittelalters.

Heutzutage kann die Pest zwar medizinisch – mithilfe von Antibiotika – behandelt werden; ihre akute Gefährlichkeit büßt sie deshalb aber keineswegs ein. Wird die Krankheit nicht rechtzeitig diagnostiziert, bestehen nur geringe Heilungschancen. Die Diagnose der Beulenpest ist über Erreger im Blut oder das Sekret der Beulen möglich; im Falle der Lungenpest wird der blutige Auswurf untersucht. Impfungen sind möglich, bieten aber nur für drei bis sechs Monate Schutz; ferner stellen sie für sich bereits eine Gefährdung dar, da viele Menschen sie nicht vertragen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt daher nur die Impfung von akuten Risikogruppen – also Menschen, die mit infizierten Nagetieren oder Läusen in Kontakt kommen können; und auch diese nur unter Vorbehalt. In erster Linie durch die verbesserte Infrastruktur und das schnelle Informationswesen konnten größere Verbreitungen der Krankheit im zwanzigsten Jahrhundert verhindert werden; strenge Quarantänen und kurzfristige Hilfsprogramme trugen dazu bei, dass die Pest eine Verbreitung wie im 14. Jahrhundert wohl nicht mehr erfahren wird.

Mediziner
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